Auszüge aus dem Kapitel "Der böse Demiurg":
Es ist schwer, es ist unmöglich zu glauben, daß
der gute Gott, der "Vater" mit dem Skandal der Schöpfung etwas zu
tun hatte. Alles drängt zum Gedanken, daß er nichts dafür
kann, daß sie auf einen anderen, skrupellosen Gott, einen korrumpierten
Gott weist. Die Güte schafft nicht, ihr mangel es an Phantasie; deren
bedarf es aber, um eine Welt herzustellen, wie hingepatzt sie auch sei.
Notfalls mag eine Tat oder ein Werk aus der Mischung von Güte und
Bosheit entstehen. Oder ein Weltall. Vom unsrigen aus ist es jedenfalls
bedeutend leichter, auf einen anrüchigen als auf einen ehrenwerten
Gott zu tippen.
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Wir können nicht umhin zu denken, daß die
im Zustand des Entwurfs gebliebene Schöpfung nicht abgeschlossen werden
konnte und es auch nicht verdiente und daß sie insgesamt ein Fehler
ist. Der berühmte Fehltritt, den der Mensch begangen hat, erscheint
somit als die verkleinerte Fassung einer weit schwereren Untat. Worin besteht
unsere Schuld, wenn nicht darin, daß wir mehr oder weniger dienstfertig
dem Beispiel des Schöpfers gefolgt sind? Sein Verhängnis erkennen
wir sehr wohl in uns: nicht umsonst kommen wir aus den Händen eines
unglücklichen und bösen Gottes, eines verfluchten Gottes.
----------
Wir alle haben sie geerbt, die Unfähigkeit, bei
sich zu bleiben, von welcher der Schöpfer eine so bedauerliche Demonstration
geboten hat: Zeugen, das heißt, auf andere Weise, in anderer
Größenordnung das Unternehmen fortsetzen, das seinen Namen trägt,
es heißt, aus beklagenswerter Nachäffung seiner "Schöpfung"
etwas hinzufügen. (...) Die Lepra ist ungeduldig und gierig, sie liebt
es, sich auszudehnen. Es ist wichtig, die Fortpflanzung zu entmutigen,
denn die Furcht, daß die Menschheit erlösche, hat keine Grundlage:
was auch geschieht, es wird immer genug Blöde geben, die nichts besseres
wünschen, als sich fortzusetzen, und wenn selbst sie sich schließlich
entziehen, so wird sich immer irgendein widerliches Paar finden, das sich
dafür opfert. Es geht nicht so sehr darum, den Hunger aufs Leben zu
bekämpfen, als die Lust auf "Nachkommenschaft". Die Eltern, die Erzeuger,
sind Provokateure oder Irre. Daß noch die letzte Mißgeburt
die Gabe besitzt, Leben zu geben, "auf die Welt zu bringen" - gibt es Demoralisierenderes?
Wie kann man ohne Entsetzen und Abscheu an dieses Wunder denken, das aus
dem nächsten besten einen Kleindemiurgen macht? Was ebenso außerordentlich
sein sollte wie das Genie, ist ohne Unterschied allen gegeben: ein anrüchiges
Geschehen, das die Natur auf alle Zeiten disqualifiziert.
Die kriminelle Aufforderung der Genesis: "Wachset und
mehret euch", konnte nicht aus dem Munde des guten Gottes gekommen sein.
Seid selten, hätte er vermutlich empfohlen, wenn er mitzureden
gehabt hätte. Niemals hätte er ferner jene unheilvollen Worte
hinzufügen können: "Und macht euch die Erde untertan". Man sollte
sie sogleich ausmerzen, um die Bibel von der Schmach zu reinigen, sie aufgenommen
zu haben. (...) Die Welt ist nicht in Freude erschaffen worden. Doch zeugt
man im Genuß. Gewiß, aber der Genuß ist nicht die Freude,
er ist deren Trugbild. Seine Funktion ist, zu mogeln, uns vergessen zu
lassen, daß die Schöpfung bis in jede Einzelheit das Siegel
jener ursprünglichen Trauer trägt, aus der sie entspringt. Die
Lust ist wesentlich Betrug und erlaubt uns, zu leisten, was wir theoretisch
ablehnen, verdammen. Ohne ihre Hilfe würde die Enthaltsamkeit Terrain
gewinnen und selbst die Ratten verführen.
----------
Aphorismen aus dem Kapitel "Erwürgte Gedanken":
Ich kann nichts unternehmen, wenn ich nicht von dem, was
ich weiß, absehe. Sobald ich es ins Auge fasse und daran denke,
sei es auch nur eine Sekunde, verliere ich den Mut, löse ich mich
auf.
Leiden heißt Erkenntnis produzieren.
Ganze Tage hindurch Lust, ein Attentat gegen die fünf
Kontinente durchzuführen, ohne einen Augenblick lang an die Mittel
zu denken.
Schauen sie sich die Fresse des Menschen an, der auf irgendeinem
Gebiet Erfolg hatte, der sich abgemüht hat. Sie finden da nicht
die mindeste Spur von Mitleid. Er ist der Stoff, aus dem ein Feind
gemacht ist.
Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht
gelitten hat.
Die Tiere, die Vögel, die Insekten haben alles seit
jeher gelöst. Warum sie übertreffen wollen? Die Natur widerstrebt
der Originalität, sie lehnt den Menschen ab, verabscheut ihn.
Was mich hindert, in die Arena zu steigen, ist, daß
ich dort zuviele Geister gewahre, die ich bewundere, aber nicht achte,
weil sie mir so naiv vorkommen. Warum sie herausfordern, warum mich mit
ihnen auf der gleichen Piste messen? Meine Mattheit schenkt mir eine solche
Überlegenheit, daß sie mich, so scheint's mir, niemals einholen
können.
Der Mensch, dieser Ausrotter, hat etwas gegen alles, was
lebt, gegen alles, was sich bewegt: bald wird man von der letzten Laus
reden.
Solange man irgendwem, und sei es einem Gott, seinen Erfolg
neidet, ist man ein elender Sklave wie alle.
Die verfehlte Schöpfung
Montag, 31. Dezember 2012
Buchempfehlung: E.M. Cioran - Lehre vom Zerfall
Auszüge:
Ich brauche nur zu hören, wie jemand mit Überzeugung von Idealen, Zukunft, Philosophie spricht, wie er voller Selbstbewußtsein "wir" sagt und sich auf die "anderen", für deren Wortführer er sich hält, beruft -, um ihn als meinen Feind anzusehen. Ich erkenne in ihm den verfehlten Tyrannen, den verhinderten Henker - nicht minder hassenswert als Tyrannen und Henker von Format. Denn jeder Glaube übt eine Art Terror aus, und dieser Terror ist umso gefährlicher, als "Idealisten" ihn in die Wege leiten.
----------
In jedem Menschen schlummert ein Prophet: erwacht er, so gibt es ein klein wenig mehr des Übels in der Welt. Der Predigerwahn sitzt tief in unserem Innern, er muß aus Tiefen emportauchen, die selbst dem Selbsterhaltungstrieb verborgen bleiben. Jedermann erwartet den Augenbkick, da er etwas anpreist - gleichviel was. Er hat eine Stimme, das genügt. Es kommt uns teuer zu stehen, daß wir weder taub noch stumm sind. Von den Straßenkehrern bis zu den Snobs - alle sind sie freigiebig mit ihrer verbrecherischen Großmut, alle verteilen sie Rezepte des Glücks, alle wollen sie die Schritte aller lenken: das Leben in der Gemeinschaft wird unerträglich, noch unerträglicher jedoch das Leben mit sich selber: man braucht sich um die Angelegenheiten der anderen gar nicht zu kümmern, man ist um die eigenen derart besorgt, daß man entweder sein "Ich" in eine Religion umwandelt oder - ein Gegenapostel gleichsam - es verneint. Wir alle sind Opfer des Universalspiels.
----------
Der Mensch, der sich außerhalb seiner eigentlichen Bahnen und außerhalb seiner Instinkte bewegte, ist schließlich in einer Sackgasse angelangt. Nirgends hat er halt gemacht - nun hat er sein Ende eingeholt. Ein zukunftsloses Tier, mußte er in seinem Ideal versinken: sein eigenes Spiel wurde ihm zum Verhängnis. Weil er ununterbrochen über sich selbst hinaus gelangen wollte, ist er erstarrt und kann nicht weiter; nun bleibt ihm nichts übrig, als seine Torheiten zu rekapitulieren, sie zu büßen und ein paar neue zu begehen. Es gibt indessen auch andere, denen selbst dies versagt bleibt: "Wir, die wir des Menschseins entwöhnt sind", so sagen sie sich, "gehören wir denn noch einem Stamm, einem Geschlecht, irgendeiner Sippe an? Solange wir noch am Vorurteil des Lebens festhielten, waren wir in einem Irrtum befangen, der uns den anderen gleichstellte - doch wir sind ausgebrochen aus der Gattung Mensch."
----------
Auf ewig sei der Stern verflucht, unter dem ich geboren wurde, möge keinerlei Himmel ihn schützen, möge er im Raum zerbröckeln und zerstieben! Und jener heimtückische Augenblick, der mich mitten unter die Geschöpfe stieß, möge auch er für immer ausgelöscht sein aus den Verzeichnissen der Zeit!(...)
Dieses verbitterte Verharren in einem Weltall, in dem nichts sich vorhersehen läßt und in dem dennoch sich alles wiederholt - wird es denn niemals ein Ende haben? Wie lange noch wird man sich immer und immer wieder sagen müssen: "Dies Leben, das ich so abgöttisch liebe, ist mir ein Greuel!" Jedes unserer nichtigen Delirien macht aus jedem von uns einen Gott, der einem abgeschmackten Geschick unterworfen ist. Wozu uns noch gegen die Symmetrie dieser Welt auflehnen, wo doch das Chaos selber nur ein System der Unordnung ist? Unser Schicksal will, daß wir gemeinsam mit den Kontinenten und Sternen vermodern, und so werden wir bis ans Ende aller Zeiten wie resignierte Kranke neugierig sein auf die erwartete, schreckliche und nutzlose Lösung des Knotens.
Lehre vom Zerfall
Ich brauche nur zu hören, wie jemand mit Überzeugung von Idealen, Zukunft, Philosophie spricht, wie er voller Selbstbewußtsein "wir" sagt und sich auf die "anderen", für deren Wortführer er sich hält, beruft -, um ihn als meinen Feind anzusehen. Ich erkenne in ihm den verfehlten Tyrannen, den verhinderten Henker - nicht minder hassenswert als Tyrannen und Henker von Format. Denn jeder Glaube übt eine Art Terror aus, und dieser Terror ist umso gefährlicher, als "Idealisten" ihn in die Wege leiten.
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In jedem Menschen schlummert ein Prophet: erwacht er, so gibt es ein klein wenig mehr des Übels in der Welt. Der Predigerwahn sitzt tief in unserem Innern, er muß aus Tiefen emportauchen, die selbst dem Selbsterhaltungstrieb verborgen bleiben. Jedermann erwartet den Augenbkick, da er etwas anpreist - gleichviel was. Er hat eine Stimme, das genügt. Es kommt uns teuer zu stehen, daß wir weder taub noch stumm sind. Von den Straßenkehrern bis zu den Snobs - alle sind sie freigiebig mit ihrer verbrecherischen Großmut, alle verteilen sie Rezepte des Glücks, alle wollen sie die Schritte aller lenken: das Leben in der Gemeinschaft wird unerträglich, noch unerträglicher jedoch das Leben mit sich selber: man braucht sich um die Angelegenheiten der anderen gar nicht zu kümmern, man ist um die eigenen derart besorgt, daß man entweder sein "Ich" in eine Religion umwandelt oder - ein Gegenapostel gleichsam - es verneint. Wir alle sind Opfer des Universalspiels.
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Der Mensch, der sich außerhalb seiner eigentlichen Bahnen und außerhalb seiner Instinkte bewegte, ist schließlich in einer Sackgasse angelangt. Nirgends hat er halt gemacht - nun hat er sein Ende eingeholt. Ein zukunftsloses Tier, mußte er in seinem Ideal versinken: sein eigenes Spiel wurde ihm zum Verhängnis. Weil er ununterbrochen über sich selbst hinaus gelangen wollte, ist er erstarrt und kann nicht weiter; nun bleibt ihm nichts übrig, als seine Torheiten zu rekapitulieren, sie zu büßen und ein paar neue zu begehen. Es gibt indessen auch andere, denen selbst dies versagt bleibt: "Wir, die wir des Menschseins entwöhnt sind", so sagen sie sich, "gehören wir denn noch einem Stamm, einem Geschlecht, irgendeiner Sippe an? Solange wir noch am Vorurteil des Lebens festhielten, waren wir in einem Irrtum befangen, der uns den anderen gleichstellte - doch wir sind ausgebrochen aus der Gattung Mensch."
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Auf ewig sei der Stern verflucht, unter dem ich geboren wurde, möge keinerlei Himmel ihn schützen, möge er im Raum zerbröckeln und zerstieben! Und jener heimtückische Augenblick, der mich mitten unter die Geschöpfe stieß, möge auch er für immer ausgelöscht sein aus den Verzeichnissen der Zeit!(...)
Dieses verbitterte Verharren in einem Weltall, in dem nichts sich vorhersehen läßt und in dem dennoch sich alles wiederholt - wird es denn niemals ein Ende haben? Wie lange noch wird man sich immer und immer wieder sagen müssen: "Dies Leben, das ich so abgöttisch liebe, ist mir ein Greuel!" Jedes unserer nichtigen Delirien macht aus jedem von uns einen Gott, der einem abgeschmackten Geschick unterworfen ist. Wozu uns noch gegen die Symmetrie dieser Welt auflehnen, wo doch das Chaos selber nur ein System der Unordnung ist? Unser Schicksal will, daß wir gemeinsam mit den Kontinenten und Sternen vermodern, und so werden wir bis ans Ende aller Zeiten wie resignierte Kranke neugierig sein auf die erwartete, schreckliche und nutzlose Lösung des Knotens.
Lehre vom Zerfall
Sonntag, 23. Dezember 2012
Im Schatten von Thanatos - Teil 1 (von Pan narrans)
Teil 1: Ein erster Umriss
Die größte Triebfeder für alle Arten von existenziellem Denken ist und war seit jeher die banalste und zugleich bedeutendste Tatsache, vor die jedes reflexive Lebewesen unweigerlich geworfen wird: Dem eigenen Ende.
Während die vielen verschiedenen Kompensationsmöglichkeiten angesichts dieser Tatsache schon beinah zwangsläufig folgen, gilt das für daraus dauerhaft resultierende Erkenntnis nicht unbedingt, zumal eine Möglichkeit der Kompensation schlicht und ergreifend die Verdrängung ist. Diese geschieht öfters in der Form der Trivialisierung- natürlich müssen wir alle einmal sterben, das ist so natürlich, dass es sich nicht lohnt, dem mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als etwa dem Akt der Ausscheidung.
Doch wie kann das Ende bedeutungslos sein, ist es doch gerade das, was alle andere als bedeutungslos erscheinen lässt?
Bei einer rationalen Betrachtung des Lebens in seiner Gesamtheit- also einer abstrakten, möglichst emotionslosen Betrachtung- ist der Tod nicht bloß das Ende, sondern zugleich derselbe Zustand, wie er vor der Geburt bestand. Zwar ist auch diese Aussage im Grunde noch Spekulation und ein aufrechter Skeptiker würde ihr wohl niemals so einfach zustimmen; manchmal erscheint aber auch die Urteilsenthaltung des Skeptikers über ein Jenseits eher als letzte, aus Verzweiflung gebaute, Bastion gegen die große Leere. Denn es gibt kaum einen vernünftigen Grund, ein Jenseits, das heißt eine Form von transzendenter Welt, an der unser aus Gehirnzellen hervorgepresstes Bewusstsein ohne seinen Träger Anteil hat, anzunehmen.
Es bleibt dabei: Vom Nichts ins Nichts; dazwischen die kleine, aber unglaubliche Absurdität, die man gemeinhin Leben nennt- ein wertvolles Geschenk, oder eine äußerst makabere Zumutung?
Nach wie vor in einer rational ganzheitlichen Betrachtung klarsichtig innehaltend, erscheint letzteres deutlich zutreffender zu sein. Denn warum dieser Umweg, zumal er auch noch als solcher erkannt wird und zu allem Überfluss auch noch an einen geradezu sadistischen Lebenstrieb gekoppelt ist?
Und doch, bliebe auch nur eines von beidem aus, würde die Zumutung dadurch zum Geschenk? Freilich, der in Verbindung mit Klarsicht erst zu einem Problem führende Lebenstrieb ist nicht dieses eine von beidem. Denn auch ein vollkommen klarsichtiges Wesen, das von jedem Lebenstrieb ungetrübt umgehend ein Ende machen würde, dürfte den Umweg dann wohl doch weniger als Geschenk, denn als sinnlose Unnötigkeit betrachten.
Es bleibt also das Fehlen von Klarsicht, was vielleicht keine sonderlich große Überraschung sein dürfte. Also doch Verdrängung, oder gar Eintauchen in Illusionen, die, aus erkenntnistheoretischer Perspektive, einem morastigen Sumpf, aus lebenspraktischer Sicht aber einem klaren, glitzernden Bach gleichen?
Wäre es für ein klarsichtiges Wesen nicht viel vernünftiger, einen Teil seiner Klarsicht gegen eine Form von unbeschwertem Glück einzutauschen? Dem Primat des Glücksstrebens zu gehorchen, anstatt der Erkenntnis auf düsteren Altären zu opfern?
Vielleicht wäre es das. Doch führt das wieder zu dem Anfang: Dem Ende.
Einmal im Bewusstsein der Vergänglichkeit wirklich eingetaucht, fällt es schwer, davon wieder loszukommen und vielleicht ist dies gar unmöglich- und unnötig.
Vielleicht gibt es unter den vielen verschiedenen Umgangsmöglichkeiten noch etwas anderes, als bloße Verdrängung?
Vielleicht kann man Akzeptanz nicht auch auf eine besondere Form von Verdrängung zurückführen (wie z.B. die Relativierung durch Entpersönlichung)?
Vielleicht ist das alles aber bloß Augenwischerei und nichts anderes, als Illusion, denn die Vergänglichkeit bleibt als Tatsache bestehen, völlig gleich, wie man ihr begegnet, ob sie als beklemmendes Angstgefühl, oder als befreiendes Glücksgefühl erlebt wird. Denn auf einer Metaebene ist dieses Wissen, anders, als das instinktive, nur akut auftretende Todeswissen, beständig abrufbar- wenn es sich denn nicht gerade von selbst abruft.
In dem Fall ist es wahrscheinlich unmöglich; wahrscheinlich gibt es einfach manche Menschen, deren Denken den Tod wirklich verdrängt und kein umfassendes, oder aber häufigeres Bewusstsein von ihm zulässt- und jene anderen, die Kinder von Thanatos, in dessen Schatten sie ewig umherwandeln werden.
Die größte Triebfeder für alle Arten von existenziellem Denken ist und war seit jeher die banalste und zugleich bedeutendste Tatsache, vor die jedes reflexive Lebewesen unweigerlich geworfen wird: Dem eigenen Ende.
Während die vielen verschiedenen Kompensationsmöglichkeiten angesichts dieser Tatsache schon beinah zwangsläufig folgen, gilt das für daraus dauerhaft resultierende Erkenntnis nicht unbedingt, zumal eine Möglichkeit der Kompensation schlicht und ergreifend die Verdrängung ist. Diese geschieht öfters in der Form der Trivialisierung- natürlich müssen wir alle einmal sterben, das ist so natürlich, dass es sich nicht lohnt, dem mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als etwa dem Akt der Ausscheidung.
Doch wie kann das Ende bedeutungslos sein, ist es doch gerade das, was alle andere als bedeutungslos erscheinen lässt?
Bei einer rationalen Betrachtung des Lebens in seiner Gesamtheit- also einer abstrakten, möglichst emotionslosen Betrachtung- ist der Tod nicht bloß das Ende, sondern zugleich derselbe Zustand, wie er vor der Geburt bestand. Zwar ist auch diese Aussage im Grunde noch Spekulation und ein aufrechter Skeptiker würde ihr wohl niemals so einfach zustimmen; manchmal erscheint aber auch die Urteilsenthaltung des Skeptikers über ein Jenseits eher als letzte, aus Verzweiflung gebaute, Bastion gegen die große Leere. Denn es gibt kaum einen vernünftigen Grund, ein Jenseits, das heißt eine Form von transzendenter Welt, an der unser aus Gehirnzellen hervorgepresstes Bewusstsein ohne seinen Träger Anteil hat, anzunehmen.
Es bleibt dabei: Vom Nichts ins Nichts; dazwischen die kleine, aber unglaubliche Absurdität, die man gemeinhin Leben nennt- ein wertvolles Geschenk, oder eine äußerst makabere Zumutung?
Nach wie vor in einer rational ganzheitlichen Betrachtung klarsichtig innehaltend, erscheint letzteres deutlich zutreffender zu sein. Denn warum dieser Umweg, zumal er auch noch als solcher erkannt wird und zu allem Überfluss auch noch an einen geradezu sadistischen Lebenstrieb gekoppelt ist?
Und doch, bliebe auch nur eines von beidem aus, würde die Zumutung dadurch zum Geschenk? Freilich, der in Verbindung mit Klarsicht erst zu einem Problem führende Lebenstrieb ist nicht dieses eine von beidem. Denn auch ein vollkommen klarsichtiges Wesen, das von jedem Lebenstrieb ungetrübt umgehend ein Ende machen würde, dürfte den Umweg dann wohl doch weniger als Geschenk, denn als sinnlose Unnötigkeit betrachten.
Es bleibt also das Fehlen von Klarsicht, was vielleicht keine sonderlich große Überraschung sein dürfte. Also doch Verdrängung, oder gar Eintauchen in Illusionen, die, aus erkenntnistheoretischer Perspektive, einem morastigen Sumpf, aus lebenspraktischer Sicht aber einem klaren, glitzernden Bach gleichen?
Wäre es für ein klarsichtiges Wesen nicht viel vernünftiger, einen Teil seiner Klarsicht gegen eine Form von unbeschwertem Glück einzutauschen? Dem Primat des Glücksstrebens zu gehorchen, anstatt der Erkenntnis auf düsteren Altären zu opfern?
Vielleicht wäre es das. Doch führt das wieder zu dem Anfang: Dem Ende.
Einmal im Bewusstsein der Vergänglichkeit wirklich eingetaucht, fällt es schwer, davon wieder loszukommen und vielleicht ist dies gar unmöglich- und unnötig.
Vielleicht gibt es unter den vielen verschiedenen Umgangsmöglichkeiten noch etwas anderes, als bloße Verdrängung?
Vielleicht kann man Akzeptanz nicht auch auf eine besondere Form von Verdrängung zurückführen (wie z.B. die Relativierung durch Entpersönlichung)?
Vielleicht ist das alles aber bloß Augenwischerei und nichts anderes, als Illusion, denn die Vergänglichkeit bleibt als Tatsache bestehen, völlig gleich, wie man ihr begegnet, ob sie als beklemmendes Angstgefühl, oder als befreiendes Glücksgefühl erlebt wird. Denn auf einer Metaebene ist dieses Wissen, anders, als das instinktive, nur akut auftretende Todeswissen, beständig abrufbar- wenn es sich denn nicht gerade von selbst abruft.
In dem Fall ist es wahrscheinlich unmöglich; wahrscheinlich gibt es einfach manche Menschen, deren Denken den Tod wirklich verdrängt und kein umfassendes, oder aber häufigeres Bewusstsein von ihm zulässt- und jene anderen, die Kinder von Thanatos, in dessen Schatten sie ewig umherwandeln werden.
Buchempfehlung: Ulrich Horstmann - Ansichten vom Großen Umsonst
Auszüge aus dem Kapitel "Endmoränen":
Der Funke war schon da; unsere Vorfahren haben ihn über Abertausende von Jahren gehegt, von Generation zu Generation weitergegeben, mühsam Zunder gesammelt und darum angehäuft, gehaucht, geblasen, gebetet - und jetzt knechtet den Menschen das so mühsam entfachte Feuer, versklavt ihn die Glut, und er ist dabei, einen ganzen Planeten zu verheizen, um die Kälte nicht wieder in den Gliedern zu spüren, die ihm zum Herzen kroch, und um die lauernde Angst zu vertreiben. Denn wurde er nicht in eine Mördergrube hineingeboren, in der nur ein Gesetz galt: Töten, um nicht getötet zu werden, kaltmachen, was einen mit seinem stinkenden Raubtieratem anfallen wollte, sich bis an die Zähne rüsten gegen ein blindwütiges Verschlingen und Zerstören, gegen das Aus-dem-Leben-gerissen-werden, an dem einst die Dämonen schuld waren und für das heute Viren, Bakterien oder genetische Defekte geradestehen müssen?
Was blieb uns denn anderes übrig, als dieser Hölle mit der zugleich herrlichsten und verheerendsten aller Waffen entgegenzutreten, mit der wir uns selbsthypnotisch unverwundbar machen und zugleich alles Erbarmen abstreifen konnten: mit der Vision des neuen Garten Eden nämlich, dem eisernen Willen zur Fabrikation des Paradieses und zur Humanisierung der Natur? Jawohl, wir haben dabei den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben, wie das dem Strickmuster einer Welt entspricht, von der ein weniger verblendeter Urheber hätte einsehen müssen, daß sie alles andere als makellos war. Jawohl, wir, die wir vergehen "wie Rauch von starken Winden" haben den Spieß umgedreht. Gegen eine Weltunvernunft, die uns überzog mit Hungersnöten, Pestepidemien und Schuldkomplexen, haben wir angedacht, angeforscht, anexperimentiert. Und endlich begriffen, wie man den wissenschaftlichen Geist aus der Flasche befreit und wie man ihn auf beliebige Opfer hetzt. Wir mußten sie loslassen auf die Wirklichkeit, diese Furie des Verschwindens, um uns selbst vor der Auflösung zu schützen. Fressen oder gefressen werden - das Gesetz des Dschungels hat auch die Zivilisation gestiftet, diesen Urwald unserer Wünsche, Begierden und wildwuchernden Hoffnungen. Und es ist das aus uns selbst aufgeschossene Dickicht, in dem der große Mechaniker, Pflanzenzüchter und Tierbändiger, der Medizinmann und Möchtegern-Heiland Erdenkloß sich immer hoffnungsloser verrennt und verirrt.
----------------------------
Die Tiere und Pflanzen, die früher - auf uns jetzt märchenhaft dünkende Weise - mit uns redeten und verkehrten, haben längst allen Kontakt abgebrochen. Die Wälder sterben lieber, als uns zuzuraunen. Die Luft und das Wasser erwehren sich unser mit schleichenden Giften. Der letzte Gott, der noch zu uns hielt und den wir zum Dank den Allmächtigen tauften, läßt sich verleugnen. Die Götzen stürzen von ihren Altären, kaum daß wir sie mit immensen Kosten installiert und mit selbstmörderischem Werbeaufwand populär gemacht haben. Alle guten Geister haben uns verlassen, und selbst die Erinnerungen zersetzen sich und zerfallen wie das Buchpapier in den Bibliotheken. Wer Augen hat zu sehen, wer Ohren hat zu hören, der muß unsere Welt verloren geben.
Der Augenblick, in dem eben dies geschieht, ist vielleicht der bedeutsamste der Menschheitsgeschichte, die wahre Apokalypse; denn Apokalypse heißt Enthüllung, und mit unserer Bankrotterklärung leisten wir den Offenbarungseid. Zum ersten und einzigen Mal haben wir uns ganz durchschaut, sehen wir uns so, wie wir waren und wie wir sind: Verwüster unserer selbst und unseres Planeten, eine furchtbare Geißel, ein evolutionsgeschichtlicher Spuk, der so schnell verschwinden wird, wie er kam, eine Rotte heilssüchtiger Berserker, hilflos den eigenen Hirngespinsten ausgeliefert, die ihnen immer noch vorgaukeln, sie legten die Fundamente des neuen Jerusalem, als sie schon ihr eigenes Grab schaufelten.
----------------------
Wir leben in einer Endzeit, im Präapokalyptikum, in einer Phase möglicher Selbstauslöschung und der entsprechend hysterischen Reaktionen. Angesichts einer Menschheit, die sich anschickt, den Urzustand der Menschenleere wieder herzustellen, versagen die traditionellen Erklärungsmuster in eklatanter Weise, und der Humanismus kann nur noch "verstehen", indem er die Sinnhaltigkeit dieser Revokation überhaupt in Abrede stellt oder sich auf eine hilflose Betriebsunfallmetaphorik zurückzieht.
Derartige Unanfechtbarkeitseinbußen aber stärken ein Denken gegen den menschenfrommen Strich, das vorher unisono als pessimistisch, misanthropisch antihumanistisch an den Pranger gestellt werden konnte, und die Orientierungskrise hat Philosophen wie E.M. Cioran auf den Plan gerufen, der das Paradies ohne Umschweife als "Abwesenheit des Menschen" definiert.
----------------------
Seit unserem Ausscheren aus dem Tierreich und der ersten großen Entdeckung des Untiers, der Entdeckung des Todes, haben wir uns als Sterbliche definieren müssen und uns mit der Unsterblichkeit der Gattung über das individuelle, das eigene Verenden hinwegtrösten gelernt. Das aber ist nicht länger möglich. Mit dem Durchbuchstabieren des ABC der Massenvernichtung nach dem zweiten Vorbereitungskrieg sind wir, wie Günter Anders einmal prägnant formuliert hat, vom genus mortalium, vom Geschlecht der Sterblichen also, zu einem genus mortale, einem sterblichen Geschlecht, geworden und leben im Angesicht des Gattungsexitus oder - biologisch gesagt - in Erwartung der Terminierung der menschlichen Keimbahn durch die gegenwärtig existenten Gattungsexemplare selbst.
Homo sapiens stirbt. Wie verhält man sich gegenüber einer sterbenden Spezies? Wie verhält man sich gegenüber der sterbenden Spezies, der man selbst angehört? Es gibt auch hier zwei grundverschiedene, einander ausschließende Möglichkeiten. Entweder man läßt die Wahrheit über den eigenen Zustand nicht zu, setzt auf Rettung in letzter Minute, auf Wundermittel, auf Gesundbeterei und eine humanistische Vernunft, die es in ihrer Verblendung noch fertigbringt, die allgegenwärtigen Todesahnungen als "Lust am Untergang" zu verunglimpfen, oder man öffnet die Augen und anerkennt das Unausweichliche, die Tatsache nämlich, daß wir Geschichte haben, aber keine Zukunft, daß wir waren, aber bald nicht mehr sind.
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Die bitterste aller Wahrheiten - daß wir im Grunde etwas sind, das nicht sein sollte - ist immer noch verfemt. Daran haben die Massengräber nichts zu ändern vermocht, nicht die Hekatomben von erschlagenen, aufgespießten, zerhackten, erschossenen, von Bomben zerfetzten, vergasten, zerstrahlten oder sonstwie mit patriotischem Elan vom Leben zum Tode beförderten Gattungsgenossen, die endlosen Feldzüge, Gemetzel, Völkerschlachten und Ausrottungskampagnen nicht, die Vernichtungslager nicht und auch nicht die Feuerstürme in den Städten. O nein, dieses Wesen, das das Tierreich in einen Schlachthof verwandelt hat und die Flora entweder ausmerzt oder unter seine chemische Knute zwingt, das in Strömen eigenen und fremden Blutes zu waten gewohnt ist und sein Heimatrecht auf diesem Planeten längst verwirkt hat, dieses Wesen denkt gar nicht daran, sich in Frage stellen zu lassen, sondern wippt auf den Hinterläufen und bestätigt sich, von Symposion zu Symposion eilend, seine Unverzichtbarkeit und eine unverwüstliche Humanität, die zu den schönsten Erwartungen Anlaß gebe.
Die anthropofugale Vernunft weiß es besser. Und allein die Tatsache, daß keine Hoffnung mehr ist, vermag sie hoffnungsfroh zu stimmen.
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Uns ist etwas in Scherben gegangen, was keine Reue, keine Umkehr wieder ganz werden läßt, und die einzig vernünftige Reaktion darauf ist nicht Trotz, sondern Trauer und ein melancholisches Sich-Lösen von dem, was unwiederbringlich dahin ist.
Ansichten vom Großen Umsonst
Der Funke war schon da; unsere Vorfahren haben ihn über Abertausende von Jahren gehegt, von Generation zu Generation weitergegeben, mühsam Zunder gesammelt und darum angehäuft, gehaucht, geblasen, gebetet - und jetzt knechtet den Menschen das so mühsam entfachte Feuer, versklavt ihn die Glut, und er ist dabei, einen ganzen Planeten zu verheizen, um die Kälte nicht wieder in den Gliedern zu spüren, die ihm zum Herzen kroch, und um die lauernde Angst zu vertreiben. Denn wurde er nicht in eine Mördergrube hineingeboren, in der nur ein Gesetz galt: Töten, um nicht getötet zu werden, kaltmachen, was einen mit seinem stinkenden Raubtieratem anfallen wollte, sich bis an die Zähne rüsten gegen ein blindwütiges Verschlingen und Zerstören, gegen das Aus-dem-Leben-gerissen-werden, an dem einst die Dämonen schuld waren und für das heute Viren, Bakterien oder genetische Defekte geradestehen müssen?
Was blieb uns denn anderes übrig, als dieser Hölle mit der zugleich herrlichsten und verheerendsten aller Waffen entgegenzutreten, mit der wir uns selbsthypnotisch unverwundbar machen und zugleich alles Erbarmen abstreifen konnten: mit der Vision des neuen Garten Eden nämlich, dem eisernen Willen zur Fabrikation des Paradieses und zur Humanisierung der Natur? Jawohl, wir haben dabei den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben, wie das dem Strickmuster einer Welt entspricht, von der ein weniger verblendeter Urheber hätte einsehen müssen, daß sie alles andere als makellos war. Jawohl, wir, die wir vergehen "wie Rauch von starken Winden" haben den Spieß umgedreht. Gegen eine Weltunvernunft, die uns überzog mit Hungersnöten, Pestepidemien und Schuldkomplexen, haben wir angedacht, angeforscht, anexperimentiert. Und endlich begriffen, wie man den wissenschaftlichen Geist aus der Flasche befreit und wie man ihn auf beliebige Opfer hetzt. Wir mußten sie loslassen auf die Wirklichkeit, diese Furie des Verschwindens, um uns selbst vor der Auflösung zu schützen. Fressen oder gefressen werden - das Gesetz des Dschungels hat auch die Zivilisation gestiftet, diesen Urwald unserer Wünsche, Begierden und wildwuchernden Hoffnungen. Und es ist das aus uns selbst aufgeschossene Dickicht, in dem der große Mechaniker, Pflanzenzüchter und Tierbändiger, der Medizinmann und Möchtegern-Heiland Erdenkloß sich immer hoffnungsloser verrennt und verirrt.
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Die Tiere und Pflanzen, die früher - auf uns jetzt märchenhaft dünkende Weise - mit uns redeten und verkehrten, haben längst allen Kontakt abgebrochen. Die Wälder sterben lieber, als uns zuzuraunen. Die Luft und das Wasser erwehren sich unser mit schleichenden Giften. Der letzte Gott, der noch zu uns hielt und den wir zum Dank den Allmächtigen tauften, läßt sich verleugnen. Die Götzen stürzen von ihren Altären, kaum daß wir sie mit immensen Kosten installiert und mit selbstmörderischem Werbeaufwand populär gemacht haben. Alle guten Geister haben uns verlassen, und selbst die Erinnerungen zersetzen sich und zerfallen wie das Buchpapier in den Bibliotheken. Wer Augen hat zu sehen, wer Ohren hat zu hören, der muß unsere Welt verloren geben.
Der Augenblick, in dem eben dies geschieht, ist vielleicht der bedeutsamste der Menschheitsgeschichte, die wahre Apokalypse; denn Apokalypse heißt Enthüllung, und mit unserer Bankrotterklärung leisten wir den Offenbarungseid. Zum ersten und einzigen Mal haben wir uns ganz durchschaut, sehen wir uns so, wie wir waren und wie wir sind: Verwüster unserer selbst und unseres Planeten, eine furchtbare Geißel, ein evolutionsgeschichtlicher Spuk, der so schnell verschwinden wird, wie er kam, eine Rotte heilssüchtiger Berserker, hilflos den eigenen Hirngespinsten ausgeliefert, die ihnen immer noch vorgaukeln, sie legten die Fundamente des neuen Jerusalem, als sie schon ihr eigenes Grab schaufelten.
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Wir leben in einer Endzeit, im Präapokalyptikum, in einer Phase möglicher Selbstauslöschung und der entsprechend hysterischen Reaktionen. Angesichts einer Menschheit, die sich anschickt, den Urzustand der Menschenleere wieder herzustellen, versagen die traditionellen Erklärungsmuster in eklatanter Weise, und der Humanismus kann nur noch "verstehen", indem er die Sinnhaltigkeit dieser Revokation überhaupt in Abrede stellt oder sich auf eine hilflose Betriebsunfallmetaphorik zurückzieht.
Derartige Unanfechtbarkeitseinbußen aber stärken ein Denken gegen den menschenfrommen Strich, das vorher unisono als pessimistisch, misanthropisch antihumanistisch an den Pranger gestellt werden konnte, und die Orientierungskrise hat Philosophen wie E.M. Cioran auf den Plan gerufen, der das Paradies ohne Umschweife als "Abwesenheit des Menschen" definiert.
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Seit unserem Ausscheren aus dem Tierreich und der ersten großen Entdeckung des Untiers, der Entdeckung des Todes, haben wir uns als Sterbliche definieren müssen und uns mit der Unsterblichkeit der Gattung über das individuelle, das eigene Verenden hinwegtrösten gelernt. Das aber ist nicht länger möglich. Mit dem Durchbuchstabieren des ABC der Massenvernichtung nach dem zweiten Vorbereitungskrieg sind wir, wie Günter Anders einmal prägnant formuliert hat, vom genus mortalium, vom Geschlecht der Sterblichen also, zu einem genus mortale, einem sterblichen Geschlecht, geworden und leben im Angesicht des Gattungsexitus oder - biologisch gesagt - in Erwartung der Terminierung der menschlichen Keimbahn durch die gegenwärtig existenten Gattungsexemplare selbst.
Homo sapiens stirbt. Wie verhält man sich gegenüber einer sterbenden Spezies? Wie verhält man sich gegenüber der sterbenden Spezies, der man selbst angehört? Es gibt auch hier zwei grundverschiedene, einander ausschließende Möglichkeiten. Entweder man läßt die Wahrheit über den eigenen Zustand nicht zu, setzt auf Rettung in letzter Minute, auf Wundermittel, auf Gesundbeterei und eine humanistische Vernunft, die es in ihrer Verblendung noch fertigbringt, die allgegenwärtigen Todesahnungen als "Lust am Untergang" zu verunglimpfen, oder man öffnet die Augen und anerkennt das Unausweichliche, die Tatsache nämlich, daß wir Geschichte haben, aber keine Zukunft, daß wir waren, aber bald nicht mehr sind.
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Die bitterste aller Wahrheiten - daß wir im Grunde etwas sind, das nicht sein sollte - ist immer noch verfemt. Daran haben die Massengräber nichts zu ändern vermocht, nicht die Hekatomben von erschlagenen, aufgespießten, zerhackten, erschossenen, von Bomben zerfetzten, vergasten, zerstrahlten oder sonstwie mit patriotischem Elan vom Leben zum Tode beförderten Gattungsgenossen, die endlosen Feldzüge, Gemetzel, Völkerschlachten und Ausrottungskampagnen nicht, die Vernichtungslager nicht und auch nicht die Feuerstürme in den Städten. O nein, dieses Wesen, das das Tierreich in einen Schlachthof verwandelt hat und die Flora entweder ausmerzt oder unter seine chemische Knute zwingt, das in Strömen eigenen und fremden Blutes zu waten gewohnt ist und sein Heimatrecht auf diesem Planeten längst verwirkt hat, dieses Wesen denkt gar nicht daran, sich in Frage stellen zu lassen, sondern wippt auf den Hinterläufen und bestätigt sich, von Symposion zu Symposion eilend, seine Unverzichtbarkeit und eine unverwüstliche Humanität, die zu den schönsten Erwartungen Anlaß gebe.
Die anthropofugale Vernunft weiß es besser. Und allein die Tatsache, daß keine Hoffnung mehr ist, vermag sie hoffnungsfroh zu stimmen.
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Uns ist etwas in Scherben gegangen, was keine Reue, keine Umkehr wieder ganz werden läßt, und die einzig vernünftige Reaktion darauf ist nicht Trotz, sondern Trauer und ein melancholisches Sich-Lösen von dem, was unwiederbringlich dahin ist.
Ansichten vom Großen Umsonst
Filmempfehlung: Apocalypse Now
"Mitten im Wahnsinn des Vietnamkrieges erhält Captain Willard den Auftrag
für eine waghalsige Mission: Er soll sich mit einer Hand voll Soldaten
zum Lager des sadistischen Colonel Kurtz im kambodschanischen Dschungel
durchschlagen. Der brutale Kurtz lässt sich nicht mehr von der
Militärführung kontrollieren und richtet von seinem Hauptquartier aus
ein unglaubliches Blutbad nach dem anderen an. Willard hat den
ausdrücklichen Befehl, den Sadisten zu liquidieren. Auf ihrem Weg
begegnet die Truppe dem sonderbaren Colonel Kilgore, der seine
Hubschrauberpiloten ihre Attacken zu den Klängen der "Walküre" fliegen
lässt. Je tiefer das amerikanische Boot in den Dschungel eindringt,
desto blanker liegen die Nerven der Besatzung. Ihre Mission führt die
fünf Soldaten geradewegs in die Abgründe der menschlichen Seele.."
Apocalypse Now
Apocalypse Now
Zitat
Bald unsinniger Wahn, bald grübelnde Politik hetzt
Millionen zu Kriegen aufeinander: dann muß Schweiß und Blut
des großen Haufens fließen, die Einfälle Einzelner durchzusetzen,
oder ihre Fehler abzubüßen. Im Frieden ist Industrie und Handel
tätig, Erfindungen tun Wunder, Meere werden durchschifft, Leckereien
aus allen Enden der Welt zusammengeholt, die Wellen verschlingen Tausende.
Alles treibt, die einen sinnend, die anderen handelnd, der Tumult ist unbeschreiblich
- Aber der letzte Zweck von dem allem, was ist er? Ephemere und geplagte
Individuen eine kurze Spanne Zeit hindurch zu erhalten, im glücklichsten
Fall mit erträglicher Not und komparativer Schmerzlosigkeit, der aber
auch sogleich die Langeweile aufpaßt; sodann die Fortpflanzung dieses
Geschlechts und seine Treibens - Bei diesem offenbaren Mißverhältnis
zwischen der Mühe und dem Lohn, erscheint uns der Wille zum Leben,
objektiv genommen, als ein Tor, oder subjektiv, als ein Wahn, von welchem
alles Lebende ergriffen, mit äußerster Anstrengung seiner Kräfte,
auf etwas hinarbeitet, das keinen Wert hat.
Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer
Freitag, 21. Dezember 2012
Allgemeiner Hinweis zu den Musik-Links
Wir haben hin und her überlegt, ob wir in diesem Blog auch Musik-Links posten wollen und wenn ja, in welchem Umfang und in welcher Art. Denn es soll natürlich die Philosophie auch weiterhin im Mittelpunkt dieser Website stehen und da Musik nun etwas sehr individuelles ist und sich eigentlich nie grundsätzlich in eine philosophische Strömung einordnen lässt, waren wir uns nicht sicher, ob soche Links ins Konzept passen. Da sich das ganze Blogkonzept aber ohnehin noch in einer experimentellen Phase befindet, haben wir nun mal beschlossen, vorläufig auch Musik-Links mit ins Seitenkonzept einzubinden und da Musik wie gesagt etwas sehr individuelles ist nutzen wir nach dem Motto "wenn dann richtig" auch die volle Bandbreite an Musik aus, die uns gefällt oder als passend in irgendeinem Sinne erscheint. Es wird somit von Indie Rock über Rap bis zu Black Metal alles seinen Weg in den Blog finden, was im allerweitesten Sinne irgendwie ins Konzept passt - eigentlich ist es passender andersherum zu formulieren: Das einzige, was nicht seinen Weg in den Blog findet, ist das thematisch absolut Unpassende. Das Genre jedes verlinkten Songs wird vor dem Link kurz angegeben, so dass man auch bei Unkenntnis des entsprechenden Interpreten eine Ahnung vom Inhalt bekommt und gegebenenfalls auch einfach Nein, Danke sagen kann. In diesem Sinne -
"Music is the strongest form of magic" - Marilyn Manson
"Music is the strongest form of magic" - Marilyn Manson
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